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Klassische Homöopathie

Essstörungen: Aus dem Rhythmus

von Dr. Katrin Strauch

Frau vor Spiegel © RioPatuca Images/Fotolia.com


Etliche Frauen quälen sich durch eine Diät nach der anderen, in dem Glauben, schlank zu sein bedeutet Attraktivität und Erfolg. Je manischer sie danach streben, desto häufiger kommt es zu Essstörungen wie Heißhungerattacken, Bulimie und Magersucht.


In Österreich hat kaum eine Frau noch keine Diät gemacht. Diäten wiederum stehen häufig am Anfang einer Essstörung. 82 Prozent derjenigen, die mindestens drei Diäten gemacht haben, berichten von Essproblemen. In Wien erkranken etwa 80 bis 140 Mädchen und Frauen pro Jahr an Magersucht. Dreimal so häufig wie die Magersucht ist Bulimia nervosa, die Ess-Brech-Sucht. Tendenz steigend. Familiäre Probleme, fehlende Wärme und mangelnde Anerkennung innerhalb der Familie, körperlicher und sexueller Missbrauch, niedriger Selbstwert, perfektionistische Haltung im Leben, Störungen im Serotoninhaushalt – all diese Problem können – wenn verschiedene Risikofaktoren zusammentreffen zu Essstörungen führen.

Ein Beispiel. Martina schaffte es in Hochgeschwindigkeit bis zu 50.000 Kalorien zu verschlingen. "Beim Essanfall stopfte ich mich mit allem voll, was mein Kühlschrank hergab: eine ganze Torte, dann eine Packung Schinken, eine Fleischwurst, dann steckte ich mir den Finger in den Hals und übergab mich, um anschließend zwei Tüten Chips zu futtern." An manchen Tagen übergab sich Martina sechs Mal pro Tag, nach jeder Mahlzeit. "Irgendwann war mir mein Gewicht egal: Mein manischer Diätenwahn verwandelte sich in eine handfeste Depression. Ich gab allen Heißhungerattacken nach, hörte auf mich zu übergeben und wurde immer dicker. In drei Monaten hatte ich zwanzig Kilos zugelegt. Erst viel später wusste ich, dass ich krank war: Binge-Eating-Disorder nennt man das."
Viele Frauen, aber auch Männer, sind von Essstörungen betroffen ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Die Symptome werden verdrängt oder vielfach nicht als solche erkannt. (Eine Liste von typischen Sätzen und Symptomen, die Betroffene bei sich selbst beobachten können, am Ende des Artikels.)

Magersucht, Fettsucht, Bulimie, Binge-Eating-Disorder – hier eine Übersicht der verschiedenen Störungen, die ein normales Verhältnis zur Nahrungsaufnahme vermissen lassen:

Allgemeine (subklinische) Essstörungen: Essen ist ein zentrales Thema und beherrscht den Alltag. Tage, an denen die selbst auferlegten Regeln (Kalorienzahl, Obst-, Reistage etc.) eingehalten werden, sind gute Tage, andere schlechte. Frau fühlt sich dann als Versager.
Warnsignale: Übertrieben häufiges Abwiegen oder -messen, Überreaktionen bei verschiedenen Nahrungsmitteln (Fett sezieren), ständiges Reden über Figur und gute/schlechte Ernährung.
Therapie: Selbstwertgefühl unabhängig von der Figur entwickeln (Persönlichkeitsentwicklung), die Verknüpfung von Gefühlen und Essen wahrnehmen. 

Störungen mit Essattacken (Binge-Eating-Disorder): Starke Essattacken ohne Erbrechen. Betroffene sind meist übergewichtig. Warnsignale: Jojo-Effekt, Diäten werden von Heißhungeranfällen unterbrochen, der Körper hat auf Krise geschaltet und geht sehr sparsam mit seinen Reserven um. Essattacken finden im Verborgenen statt, in Gesellschaft: maßvoller Umgang mit Nahrung.
Therapie: Gesprächstherapie, Coaching, Selbsthilfegruppen. Für welche Werte ist Essen Erfüllungsbedingung? Was will der Teil, der die Fressattacken im Körper auslöst, sicherstellen? 

Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa): Gekennzeichnet durch Heißhungerattacken, Essanfälle mit anschließendem, selbst herbeigeführtem Erbrechen, Missbrauch von Appetitzüglern und Abführmitteln und/oder extreme körperliche Betätigung. Essen beherrscht den Alltag, die unkontrollierten Anfälle werden geheim gehalten, Nahrungsmittel verschwinden auf "unerklärliche" Weise.
Warnsignale: Schmerzen im Hals, Speiseröhre, Magen, Darm. Ödeme der Haut, Schwellungen von Augen und Speicheldrüsen, Zahnschmerzen, -zerstörung.
Therapie: Psychotherapie, systemische Familientherapie, Selbsthilfegruppen.

Fettsucht (Adipositas): Bedingt durch falsche Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel. Versuch, ein emotionales Defizit (Angst, Einsamkeit, Trauer) mit Nahrungsmitteln zu stopfen. Warnsignale: Essen bei emotionaler Anspannung (Stress, Ärger, Enttäuschung etc.), Gleichgültigkeit gegenüber seinem eigenen Körper.
Therapie: Systemische Familientherapie, Psychotherapie, Selbsthilfegruppen, Coaching. Erlernen von Entspannungstechniken, Konfliktmanagement, Methoden zur Steigerung des Selbstwertgefühls, aber auch: Erlernen, was gesunde Ernährung ist, wie viel an sportlicher Betätigung gesundheitsfördernd ist und vor allen Dingen, wie das Wissen praktisch umgesetzt werden kann.

Magersucht (Anorexia nervosa): BMI unter 17. Magersüchtige haben eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme trotz bestehenden Untergewichts. Verzerrte Wahrnehmung von Gewicht und Körper, starker Perfektionismus, tiefes Gefühl der eigenen Wertlosigkeit. Fast 30 Prozent der bekannten Fälle hungern sich buchstäblich zu Tode.
Warnsignale: Rapider Gewichtsverlust, Verleugnung von Problemen, Horten von Lebensmitteln.
Therapie: Systemische Familientherapie, Körper-, Musik-, Tanztherapie, Gestaltungtherapie, Einzel- und Gruppenarbeit.

Auch die Homöopathie hilft

Wie PsychotherapeutInnen, sind auch Homöopathie-erfahrene ÄrztInnen in der Lage, hinter die Kulissen zu blicken. Was steckt hinter der Essstörung? Häufig wird der Patient erst durch eine homöopathische Intervention motiviert eine Psychotherapie oder andere Hilfeleistungen anzunehmen.

Acidum arsenicosum (Früher: Arsenicum album, Weißes Arsenik) ist eine Arznei, die bei Ess-Brech-Sucht angezeigt sein kann, wenn auch – wie das oft der Fall ist – eine Angststörung mit im Spiel ist. Menschen, die Arsenicum brauchen sind meist sehr unruhig und ängstlich, äußerst gewissenhaft und penibel bis übergenau. Besonders auffallend ist die enorme Ruhelosigkeit. Es kann zu Heißhungerattacken mit Essanfällen kommen mit nachfolgendem Erbrechen durch Überessen. Der Magen brennt dann, starker Durst, es werden aber nur kleine Schlucke kalten Wassers vertragen. Diese Menschen haben auf Grund ihrer Ängstlichkeit das starke Verlangen nach Gesellschaft.

Pulsatilla pratensis (Wiesenküchenschelle) ist eine leicht reiz- und irritierbare Person. Wählerisch beim Essen, weiß jedoch nicht was sie will. Bricht auch leicht in Tränen aus. Darüber hinaus hat sie ein stark ausgeprägtes Verlangen nach frischer Luft, ihr ist meistens heiß. Sie fühlt sich schlecht nach fettem reichhaltigem Essen und mit überladenem Magen.

Acidum phosphoricum (Phosphorsäure) ist geeignet für junge Mädchen in der Pubertät mit auffallender Schwäche und Müdigkeit. Sie haben starkes Verlangen nach Obst und Säften sowie erfrischendem Essen. Sie fühlen sich erschöpft, schlafen viel und leiden oft im Stillen z.B. an Liebeskummer.

Sepia officinalis (Tintenfisch) ist eine Arznei für sehr eigenständige Personen, die genau wissen, was sie wollen. Sie sind aktiv, sportlich und lieben Bewegung. Der weibliche Zyklus hat starken Einfluss auf ihr Wohlbefinden bzw. Unwohlsein. Um sich besser zu fühlen, greifen sie zum Essen, vorzugsweise zu Schokolade. Sepia-Frauen können sich oft schwer entscheiden in einer Partnerschaft zu bleiben oder eine Familie zu gründen. Sie ziehen ihre Selbständigkeit einer Abhängigkeit vor.

Strychnos ignatii (früher: Ignatia amara, Ignatiusbohne) ist eine Arznei für übersensible Personen, die in mancher Situation überreagieren können. Da gehen dann schon mal die Nerven durch. Kummer und Probleme werden hinuntergeschluckt und das kann sich mit Magenschmerzen äußern. Kaffee und Tabak sowie Süßes wird nicht vertragen. Oft kann man bei diesen Patienten von einem Kloßgefühl im Hals hören, sodass Nahrung nur schwer geschluckt werden kann bzw. durch Kummer der Appetit vergeht.

Alle erwähnten Arzneien zeigen im homöopathischen Sinn auch die für Essstörungen typischen Symptome wie Heißhungerattacken oder Erbrechen. Sie können jedoch – um mit gutem Erfolg verabreicht zu werden – nur nach einer sehr ausführlichen Anamnese unter Miteinbeziehung des kompletten psychischen Hintergrundes, Auffälligkeiten und Eigenheiten einer Person sowie all ihrer körperlichen Störungen ausgewählt werden.

Neben den genannten Arzneien bietet der homöopathische Arzneischrank noch eine Vielzahl an anderen in Frage kommenden Mitteln. Die Wahl sollte unbedingt einer fachlich geschulten und erfahrenen Ärztin bzw. Arzt überlassen werden, die auch die medizinisch nötigen begleitenden Untersuchungen veranlassen wird.

Typische Sätze, die auf eine Essstörung hinweisen können:

  • Ich denke ständig an das Essen: Daran, was ich bereits gegessen habe, wie viel ich heute noch essen darf bzw. was ich die nächste Woche noch essen werde.
  • Ich fühle mich zu dick und hasse meinen Körper.
  • Mein Wohlbefinden bzw. meine Laune hängen davon ab, ob ich einen "guten" oder "schlechten" Esstag hatte.
  • Ich stelle mich mindestens 1x täglich auf die Waage.
  • Ich halte ständig irgendeine Diät bzw. zähle die Kalorien von allen Speisen, die ich zu mir nehme.
  • Ich meide Partys, Familienfeste, Buffets etc., da sonst mein aktueller Diätplan durchkreuzt werden könnte.
  • Ich nehme kalorienarme Ersatzmittel in großen Mengen zu mir (z.B. Cola light, schwarzer Tee, Gummibärchen).
  • Ich habe Angst mit dem Essen zu beginnen, da ich fürchte nicht aufhören zu können.
  • Während des Essens ist der Gedanke an das herannahende Ende der Mahlzeit fast unerträglich.
  • Ich teile Lebensmittel in "erlaubte" (Obst, Gemüse etc.) und "nicht erlaubte" (Fett, Zucker etc.) ein.
  • Wenn ich etwas "Verbotenes" (z.B. Schokolade) esse, dachte ich "jetzt ist es eh schon egal" und esse so viel, bis ich nicht mehr kann. Während ich esse, beschließe ich, "ab morgen" nie wieder zu "sündigen".
  • Es ist mir unmöglich Essen übrigzulassen, auch dann nicht, wenn ich schon zum "Platzen" voll bin.
  • Essen z.B. ins Büro mitzunehmen oder zu Hause zu lagern stellt für mich ein Problem dar. Ich esse alles vorzeitig auf.
  • Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich vor anderen esse.
  • Ich esse "vernünftig" vor anderen und überesse mich, sobald ich allein bin.
  • Ich habe ein unregelmäßiges Essverhalten (Überessen/Fasten).
  • Ich habe oft eine panikartige Gier nach bestimmten Speisen (Essanfälle).
  • Essanfälle sind mit einem Gefühl von Zwanghaftigkeit begleitet, das Gefühl "Ich will es so sehr, dass ich alles umrennen werde, was sich mir in den Weg stellt". Während eines Essanfalls stopfe ich wahllos Nahrungsmittel in mich hinein, oft solange, bis mich körperliche Beschwerden zwingen aufzuhören.
  • Nach einem Essanfall fühle ich mich wie erschlagen und will nur noch schlafen. Ich beschimpfe und verurteile mich wegen meines mangelnden Willens bzw. meiner Disziplinlosigkeit.
  • Wenn ich zu viel gegessen habe, nehme ich mir vor, härter mit mir umzugehen. Ich bestrafe mich mit einer "Überdosis" an Sport.

 
Weitere Infos im Netz:

www.frauensache.at/essstörungen

www.magersucht.de

www.bulimie-online.de

www.sowhat.at

www.essstoerungen.cc

www.ANAD-pathways.de

www.hungrig-online.de


Dr. Katrin Strauch
Ärztin für Allgemeinmedizin und Homöopathie, Wien
Dr. Katrin Strauch eröffnete 1996 ihre Praxis für Allgemeinmedizin und Homöopathie in Wien 14. Seit 1999 ist sie Mitglied im Ausbildungsteam der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin (ÖGHM). www.drstrauch.net


Fotocredits: Frau vor Spiegel © RioPatuca Images/Fotolia.com

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