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Sonderlich oder normal

Die ganz braven Homöopathen haben es auswendig gelernt, die nicht ganz so braven haben es zumindest zum Angeben auf dem Arbeitstisch liegen. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass so mancher Schundroman in einem Einband mit der Aufschrift „Organon“ versteckt wurde. Wohl seltener passiert es, dass umgekehrt das „Organon“ in der Hülle des „Taschenatlas der Pharmakologie“ untergebracht ist. Das „Organon der Heilkunst“ ist – für alle die es noch nicht wissen – Hahnemanns wichtigstes Werk und Standardliteratur für jeden Arzt, der auch Homöopathie in seinem Repertoire hat.

Jetzt aber mal Hand auf eure Kugerl liebe Homöopathen: Wer hat euer aller Basis im Original von vorne bis hinten tatsächlich durchgeackert? Es liest sich ja auch kaum ein Zeitgenosse die Betriebsanleitung für seinen DVD-Player durch. Dieses Gerät ist mindestens genauso komplex wie der Mensch und hat so manche „sonderliche Funktion“ (nach Organon der Heilkunst, §153). Genau dieser Paragraph hat es geschafft, sich auch außerhalb des Hahnemann-Standardwerkes einen Namen zu machen: §153 stellt schließlich den Schlüssel zur Arzneifindung dar:

„Bei dieser Aufsuchung eines homöopathisch specifischen Heilmittels, (…) sind die auffallendern, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome des Krankheitsfalles, besonders und fast einzig fest ins Auge zu fassen; denn vorzüglich diesen, müssen sehr ähnliche, in der Symptomreihe der gesuchten Arznei entsprechen, wenn sie die passendste zur Heilung sein soll. (…).“1

Doch manchmal wird mit dem „sonderlichen Symptom“ etwas zu großzügig umgegangen, eine Eigenartigkeit diagnostiziert, die eigentlich als völlig normal zu werten ist.

Sonderliche Normalitäten

Wenn ein Investmentbanker heutzutage „versucht zu fliehen, aus Furcht, ein Verbrechen begangen zu haben“, so könnt ihr das zwar repertorisieren, aber „besonders“ ist das nicht. Auch die „Furcht davor Geld auszugeben, um nicht in der Zukunft zu wenig zu haben“ kann für einen Finanzminister durchaus akzeptabel sein, wohingegen für einen Gesundheitsminister die „Angst um die Gesundheit“ nur mäßig hilfreich scheint. „Furcht vor der Operation“ ist wohl für kaum eine Person §153-würdig, es sei denn, sie ist Chirurg.
Für einen Arzt im Nachtdienst ist die „Wahnidee, er sei die ganze Nacht wach gewesen“ nicht unbedingt als Anzeichen für Pulsatilla zu werten. Die „Schwäche um die Mittageszeit“ wäre für einen Beamten durchaus normal, ein „Übermaß an Energie“ hingegen höchst pathologisch. Die „Wahnidee, er sei wieder ein Jugendlicher“ ist ohne Bedeutung, so man Udo Jürgens heißt und ein Habsburger darf wohl auch mitunter „blaues Blut erbrechen“ (die „Wahnidee, er sei Kaiser“ kann jedoch auch hier als „völlig daneben“ bezeichnet werden)
Ein Fußballer kann ruhig „vom Fallen träumen“, bei einem Schauspieler ist der „Schnupfen bei Schnee in der Luft“ keine nähere Betrachtung wert und ein Radrennsportler darf eine „Abneigung gegen die Anwesenheit von Fremden beim Urinieren“ haben.

Tierisch normal

Gehen wir einen Schritt weiter: Wie sieht es in der Tierhomöopathie aus? Darf eine Maus nicht berechtigter Weise „Furcht vor Katzen“ haben, der Stuhl eines Schafes „wie Schafskot aussehen“ oder ein Barsch manchmal „barsch“ sein? Und die „Neigung zum Suizid“ ist für Lemminge auch nichts Außergewöhnliches.

Wollt ihr die Homöopathie lege artis ausüben, so müsst ihr erkennen, dass der Mensch gesamt gesehen ein Konglomerat an sonderlichen Dingen ist. Ausgenommen ist selbstverständlich der Autor dieser Zeilen, dem keine Sonderlichkeit anheim wohnt. Auch wenn mich die Leser immer wieder verfolgen und hinter meinem Rücken über mich reden!


1 Hahnemann, S.: Organon der Heilkunst (6. Auflage, 1842).

Dr. Ronny Tekal-Teutscher ist Mitbegründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at.
Mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin (ÖGHM).

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